Eine kurze Geschichte des Deutsch-Chilenischen Kulturzentrums e.V.

Das Deutsch-Chilenische Kulturzentrum wurde am 20. April 1979 als Verein mit Sitz in Hamburg gegründet, um den in Hamburg lebenden ChilenInnen einen kulturellen Treffpunkt zu bieten. Das Kulturzentrum sollte es ihnen ermöglichen, ihre kulturelle Identität im Exil pflegen und sich über die sozio-politischen Vorgänge in Chile informieren zu können. Darüber hinaus machte es sich der Verein zur Aufgabe, verschiedene kulturelle Ausdrucksformen Lateinamerikas in der deutschen Öffentlichkeit darzustellen.

Zu den sieben Gründungsmitgliedern gehören Marion Bruhn-Suhr, Gerburg Anna Dirksmeier, Leonor Fernandez, Federico Foders, Viviana Leyton, Rainer Plorin und Hinrich Suhr.

In den ersten zwei Jahren stand vor allem die Beschäftigung mit sozialen und politischen Fragen wie
- allgemeine Probleme des Lebens im Exil,
- Kontakt mit Behörden und Unterstützung bei Behördengängen,
- Sprachkurse,
- Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche,
- Aus- und Weiterbildung
im Vordergrund.

Einen wesentlichen Schwerpunkt bei dieser Arbeit bildete die Integration chilenischer Kinder und Jugendlicher in die bundesdeutsche Gesellschaft.

Vor dem Hintergrund der besonderen Problematik der Menschenrechtsverletzungen in Chile in diesem Zeitraum beauftragte die Jahreshauptversammlung 1979 den Vorstand, alle finanziellen Möglichkeiten auszuschöpfen, die zur Rettung hochgefährdeter Personen in Chile oder zur Aufklärung gravierender Menschenrechtsverletzungen beitragen könnten. Zwei Beispiele für Aktivitäten des Deutsch-Chilenischen Kulturzentrums in Zusammenhang mit diesem Beschluss sind:
- Planung und Durchführung des Besuchs von Corina Maureira in Europa. Sie ist eine Familienangehörige von verschleppten und in einer verlassenen Kalkmine lebendig begrabenen Landarbeitern in der Nähe Lonquéns. Corina Maureira machte eine Aussage vor der UNO-Menschenrechtskommission in Genf und unternahm zwischen Januar und Juni 1979 eine Vortragsreise durch zwölf Länder in Westeuropa.
- Organisation einer Kampagne zur Freilassung von Jaime Cuevas Hormazábal - Sprecher der Union der Demokratischen Jugend Chiles / UJD - Anfang 1981. Die Kampagne führte zu seiner Freilassung. Im Juni 1981 konnte er mit seiner Frau und Tochter Chile verlassen und nach Hamburg ins Exil gehen.

Im Jahre 1981 beschloss die Jahreshauptversammlung eine Erweiterung der Tätigkeiten des Deutsch-Chilenischen Kulturzentrums um entwicklungspolitische Fragen. Der Beschluss beinhaltete, dass Mitglieder des Vereins in anderen Initiativen zu Lateinamerika mitarbeiten sollten.
Seit dem haben wir Lateinamerika-Initiativen in Hamburg unterstützt, wie z. B. die Conade (Bolivien-Komitee; gegründet 1980), das El Salvador-Komitee (gegründet 1981) und die erste Nikaragua-Brigade (Kaffee-Ernte 1983/4).

Eine weitere Umsetzung dieses Beschlusses war das erste vom Deutsch-Chilenischen Kulturzentrum durchgeführte Wochenendseminar zur aktuellen politischen Entwicklung in Chile im April 1981, dem bis heute 62 weitere folgten.

Im selben Jahr begannen wir Konzerte zu veranstalten, beginnend mit Inti-Illamani im Audimax der Universität Hamburg. In der Folgezeit organisierten und koordinierten wir auch Tourneen von Musikern und Gruppen durch verschiedene europäische Länder, wie etwa von Daniel Viglietti aus Uruguay (1986), Dioscoro Rojas und Juan Carlos Alvarez (1988 bzw. 1989) aus Chile. Zuletzt betreuten wir im Jahre 2005 die Tournee der HipHop-Band Legua York aus Santiago de Chile mit Auftritten in Deutschland, Frankreich und Spanien.



Aus Anlass des zehnten Jahrestages des Militärputsches in Chile wirkten wir daran mit mit Unterstützung von Bürgerschafts- und Bezirksabgeordneten der Fraktion der Grünen, SPD und FDP, beim Hamburger Senat den Antrag zu stellen, einen öffentlichen Platz nach Salvador Allende, dem demokratisch legitimierten Präsidenten Chiles, zu benennen. Am 11. September 1983 fand die offizielle Umbenennung eines zentralen Platzes auf dem Gelände der Universität Hamburg in "Allende-Platz" statt.

Seit 1983 arbeiten wir häufiger mit der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg zusammen, die verschiedene unserer Tätigkeiten unterstützt, wofür wir uns bei der Kulturbehörde Hamburg bedanken möchten.

Zwischen 1983 und 1986 organisierte der Verein fünf Fiestas Latinas in der Hauptmensa der Universität Hamburg mit Auftritten lokaler lateinamerikanischer Musikgruppen und Informationsständen. Später haben wir auf die weitere Durchführung der Fiestas verzichtet, weil politische Inhalte nicht mehr im Vordergrund stehen sollten.

Die politische Entwicklung Lateinamerikas und die intensive Mitarbeit von Mitgliedern des Vereins in verschiedenen Lateinamerika-Initiativen veranlasste die Jahreshauptversammlung 1985 dazu, die Beschäftigung mit entwicklungs- und sozio-politischen Fragen auf den gesamten lateinamerikanischen Bereich auszudehnen. Schwerpunkte sollten auf allgemeine Probleme Lateinamerikas wie z. B. die Auslandsverschuldung und Menschenrechtsfragen gelegt werden.

Ferner wurde eine Umstrukturierung des Vereins beschlossen, die sich in der Bildung von Arbeitsgruppen zu Auslandsverschuldung, Frauen in Lateinamerika, Gewerkschaftsarbeit in Lateinamerika, Finanzen und Projekten ebenso wie zu einzelnen Ländern Lateinamerikas niederschlug.

Von diesem Zeitpunkt an rückte die Beschäftigung mit sozialen Fragen wie der praktischen Integration vor der Militärdiktatur geflüchteter ChilenInnen, die zu Beginn die eigentliche Aufgabe des Deutsch-Chilenischen Kulturzentrums war, in den Hintergrund.

Seit 1985 organisieren wir - auch in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen - lateinamerikanische Literatur- und Musikabende, so etwa die Lesung des nicaraguanischen Autors Ernesto Cardenal mit Musikbegleitung durch die Band Grupo Sal im Jahre 1994.

Ausstellungen und die Herausgabe von Ausstellungskatalogen kamen seit 1985 zu unseren Tätigkeiten hinzu, auch in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, etwa:
- Bilder von Hugo Riveros (1985).
- "Zensierte Fotografie in Chile" von der Unabhängigen Vereinigung der Fotografen Chiles (AFI; 1986ff.), eine Ausstellung, die in 22 Städten Europas und auf der 3. Biennale in Havanna 1989 gezeigt wurde.
- "Unser Reichtum hat immer unsere Armut hervorgebracht oder Die offenen Adern Lateinamerikas (Eduardo Galeano)" (1987).
- "Gesichter Lateinamerikas. Geschichte und Realität eines Kontinents" (1994).
- "Che - Geschichte einer Revolution. Fotografien von Alberto Korda." (1997). Diese Ausstellung aus Anlass des 30. Jahrestages der Ermordung Che Guevaras wurde in der Hamburger Hochschule für Bildende Künste (HfBK) in Anwesenheit Alberto Kordas von Adrienne Goehler, damalige Präsidentin der HfBK, am 9. Oktober 1997 feierlich eröffnet.
- "Emociones de la historia" von Raúl Corales (1999).

Als weitere Tätigkeit kam seit 1986 die Herausgeberschaft von insgesamt fünf Werken - Abhandlungen, Interviews und Ausstellungskatalogen - in Auflagen zwischen 500 und 3000 Exemplaren im Selbstverlag hinzu.

In den folgenden Jahren konnte der Verein eine Vermittlerfunktion zwischen Institutionen in der Bundesrepublik, Holland, Schweden und der Schweiz auf der einen und mehrerer Basisorganisationen in Chile auf der anderen Seite erfolgreich ausfüllen. Zahlreiche Projekte in Chile konnten von verschiedenen Institutionen der genannten Länder finanziell unterstützt werden.

Aufgrund der intensiven Kontakte des Vereins mit verschiedenen Organisationen in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas werden bis heute Projekte und Menschenrechtsorganisationen unterstützt, die sich z. B. um die nach wie vor unaufgeklärten Fälle Verschwundener in Chile bemühen.

Zwischen Februar 1985 und Oktober 1989 standen dem Verein in der Bogenstraße angemietete Büro- und Versammlungsräume zur Verfügung, die außerordentlich nützlich für unsere Arbeit waren. Leider mussten die Räume aufgrund finanzieller Belastungen aufgegeben werden.

Seit 1981 bis heute wurden 63 Seminare mit TeilnehmerInnen aus der ganzen BRD als auch aus verschiedenen europäischen und lateinamerikanischen Ländern durchgeführt. Diese Seminare erstrecken sich meist über zwei bis fünf Tage und dienen der inhaltlichen Vertiefung aktueller sozialer, politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen und der Menschenrechtssituation in Chile, aber auch in anderen lateinamerikanischen Ländern wie z. B. Argentinien, Uruguay, Paraguay, Kolumbien, Nikaragua, Panama und Haiti.

Ohne die Unterstützung des vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland gegründeten Ausschusses für entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik (ABP), Stuttgart/Bonn, hätte der größte Teil der Seminare nicht mit dem erzielten Erfolg stattfinden können. Wir möchten uns an dieser Stelle ausdrücklich bei den MitarbeiterInnen des ABP für ihre Arbeit und Unterstützung bedanken.

Im Jahre 1986 nahm das Deutsch-Chilenische Kulturzentrum an der Gründung des Organisationskomitees der alljährlich stattfindenden Romero-Tage in Hamburg teil, die sich mit vielfältigen Veranstaltungen über einen Monat erstrecken, und veranstaltet in deren Rahmen Ausstellungen, Lesungen und Vorträge.






Aus Anlass des 25jährigen Bestehens des Vereins und der Fußball-WM in den USA 1994, hat der Verein verschiedene Veranstaltungen zu den teilnehmenden Ländern Lateinamerikas während sechs Wochen im Sommer veranstaltet. Als einzelnes Ereignis ragt die Mini-WM mit 24 Mannschaften im Hamburger Stadtteil Steilshoop am 11. Juni 1994 heraus, die mit einem Konzert von zehn lokalen Musikgruppen beendet wurde. Schirmherr war der damalige Regierende Bürgermeister Dr. Henning Voscherau, der die Veranstaltung auch selbst besuchte. Diese Veranstaltung erhielt Unterstützung u. a. von dem Ausländerbeauftragten des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg, der Senatskanzlei, dem Hamburger Sportbund und dem FC St. Pauli, bei denen wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken.

Bezüglich einzelner Vortragsreisen haben wir zuletzt im April 2000 die Vortragsreisen von José de Melo, Bewegung der Landlosen in Brasilien, und im März 2003 von Dr. Enrique Lavigne, Präsident der Stiftung Riachuelo (Buenos Aires), durch Deutschland organisiert.

Die Literaturabende, Lesungen und Vorträge einzelner AutorInnen und WissenschaftlerInnen, die wir seit 1989 organisieren und koordinieren, setzten wir in den letzten Jahren mit Vorträgen von
- Prof. Dr. Horacio Riquelme in Santiago im März 2003 über sein 1998 zuerst auf Deutsch erschienenes Buch über die Hilfestellungen von Ärzten in der Folter während der Militärdiktaturen Chiles, Argentiniens, Uruguays,
- Dr. Julio Roldán bei den Romero-Tagen 2006,
- Ulrike Capdepón, Eliane Fernandes Ferreira, Ruth Fuchs und Dr. Carolin Kollewe bei den Romero-Tagen 2007
fort.

Im Februar 2004 fand das erste internationale, von der EU und von der AKWD (Ausschuss für kirchlichen Weltdienst) geförderte zehntägige Seminar des Deutsch-Chilenischen Kulturzentrums mit TeilnehmerInnen aus jeweils drei lateinamerikanischen und europäischen Ländern statt. Im Vordergrund des Seminars stand der Erfahrungsaustausch hinsichtlich der Sozial- und Jugendarbeit.

Die Schwerpunkte unserer Vereinsarbeit sind gegenwärtig:
- die entwicklungspolitische Bildungsarbeit,
- die interkulturelle Bildungsarbeit,
- die Planung und Durchführung von Umweltprojekten,
- die Förderung der Jugendhilfe und Jugendarbeit,
- die Planung und Durchführung kultureller Veranstaltungen und von
- Menschenrechtsprojekten.

Die zahlreichen aufgeführten Aktivitäten wären ohne die intensive Mitarbeit der Mitglieder des Deutsch-Chilenischen Kulturzentrums und der vielen beteiligten MitarbeiterInnen, HelferInnen und unterstützenden Institutionen nicht möglich gewesen. Unser Dank gilt jeder und jedem Einzelnen, die gemeinsam zum Erfolg unserer Arbeit beigetragen haben und weiter beitragen.

Edgardo Alvarado
Vorstand des Deutsch-Chilenischen Kulturzentrums e.V.

info[ät]dclk.de

 


Letzte Änderung: 14. August 2007